Zeitgeschichtlicher Fund auf Hasi-Gelände: Halles letzter Weltkriegsbunker

Kurz vor der angekündigten Räumung des alternativen Zentrums gibt eine bislang unbekannte frühere Militäreinrichtung auf dem Gelände tiefe Einblicke in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Halle. Hasi-Aktivisten haben sie sprichwörtlich ausgegraben.

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Ein neues Kapitel hallescher Zeitgeschichte: Der Weltkriegsbunker in einem der Gasometer in der Hafenstraße 7 war bisher völlig unbekannt. (Foto: xkn)

Halle/StäZ – Novembergrau und novemberkalt ist es am Wochenende vor der angekündigten Räumung des alternativen Zentrums „Hasi“ in der Hafenstraße 7. Wer in diesen Tagen als Unbekannter auf das Grundstück kommt, erntet schon ein paar misstrauische Blicke. Aktivisten bereiten sich vor auf den angekündigten Polizeieinsatz. Sie wollen passiven Widerstand gegen die Räumung leisten. Stefan Maynicke will noch etwas anderes. Er bezeichnet sich selbst als Hasi-Aktivist der ersten Stunde. Seine Mission seit 2016 war es, mit anderen die Geschichte des Baudenkmals, der ersten halleschen Gasanstalt, zu recherchieren und bekannt zu machen, die 2004 auf Initiative anderer Bürger vor dem möglicherweise drohenden Abriss gerettet worden war.

Hasi-Aktivist und Denkmalschützer Stefan Maynicke im alten Weltkriegsbunker. (Foto: xkn)

Was er an diesem Tag exklusiv der Städtischen Zeitung zeigen will, ist aber noch ein wenig größer als nur ein denkmalpflegerisches Detail. Versteckt hinter Büschen und den runden Betonwänden einer der großen Gasometerruinen auf dem weiträumigen Gelände der Hafenstraße 7 befindet sich ein wohl lange vergessenes Kapitel hallescher Zeitgeschichte. Maynicke und andere haben es sprichwörtlich ausgegraben. Und sie wollen nicht, dass es durch die Räumung wieder in Vergessenheit gerät.

Sollte Bunker heranrückende amerikanische Armee aufhalten?

Eingang zum Bunker im nördlichen der drei Gasometer. (Foto: xkn)

Betritt man das Rund des nördlichen der drei Gasometer, zeigt sich schon, dass hier etwas anders ist, als in einem normalen Gasometer, der seinem Zweck gemäß ein leerer Raum ist, um Gas zu speichern. Die anderen beiden Gasometer fallen tief ab. Sie wurden beim Bau mehrere Meter tief ins Erdreich hinein gebaut. In diesem dritten hier bilden Mauerreste zu ebener Erde ein kleines Gewirr an Nischen und verschrobenen Ecken. Der Boden ist aus Beton. Links ist eine Öffnung zu sehen, in die eine Treppe hinabführt.

Detail am Eingang zum Bunker. (Foto: xkn)

Stefan Maynicke ist überzeugt, dass das der Zugang zu einem der letzten Weltkriegsbunker Halles ist. Nach seinen Nachforschungen und Vermutungen ist er noch kurz vor Kriegsende 1945 hektisch gebaut worden, um hier das letzte Verteidigungsaufgebot gegen die anrückende amerikanische Armee unterzubringen. „Er ist der einzige Bunker in dieser Gegend, der noch rechtzeitig fertiggestellt wurde“, sagt Maynicke. „Aber man sieht an der Bauweise, dass da auf die Schnelle sehr gepfuscht wurde, zum Beispiel bei der Verarbeitung des Betons. Es herrschte natürlich Materialmangel. Die Nazis haben den Bunker dennoch auf Teufel komm raus gebaut.“

Nahe der Gasanstalt, die damals bereits außer Betrieb war, verlief die Elisabethbrücke über die Saale. Sie bildete das westliche Einfallstor zur halleschen Innenstadt. Wäre ein Angriff der Amerikaner über die Passendorfer Wiesen erfolgt, wäre der Mannschaftsbunker im alten Gasometer in die vorderste Frontlinie gerückt. Es kam bekanntlich anders. Halle fiel beinahe kampflos an die Amerikaner, weil unter anderem mutige Bürger die Übergabe der Stadt verhandelt hatten. Halle entging so der beinahe sicheren Vernichtung durch ein Flächenbombardement. Und die Amerikaner mussten sich nicht Haus für Haus bis ins Zentrum vorkämpfen. Doch der Bunker zeugt noch heute von der damaligen Gefahr, von der Bereitschaft der NS-Militärs, auch angesichts der bereits unvermeidlichen Niederlage bis zum Letzten zu gehen. Maynicke geht sogar davon aus, dass das Hasi-Gebäude, das ebenfalls einen massiven ehemaligen Luftschutzraum hat, als ein Ausweichgebäude für die deutsche Stadtkommandantur vorgesehen war.

Im Bunker könnten tatsächlich Soldaten gesessen haben

Im Bunker befinden sich mehrere abgetrennte Räume. Insgesamt dürfte er zwischen 200 und 300 Quadratmeter groß sein. (Foto: xkn)

Die Hasi als letzte Bastion von Wehrmacht und Waffen-SS in Halle? Laut Maynicke passt es ins Bild. Seit 1943 seien in Deutschland Bunker vermehrt in bestehende Gebäude hineingebaut worden, um sie vor Luftaufklärung und ‑angriffen zu tarnen. Ein stillgelegter Gasometer in strategisch günstiger Lage war für die Militärs ein beinahe idealer Bunkerstandort, ist Maynicke überzeugt.

Stefan Maynicke, der hinunter in das Verlies führt, berichtet von Funden, die seiner Ansicht nach bezeugen, dass tatsächlich Soldaten im Bunker gesessen haben, wenn auch wahrscheinlich nur für wenige Tage. „Wir gehen von bis zu 240 Mann aus, die in dem Bunker, der sich über zwei Stockwerke erstreckte, ausharren konnten“, sagt er. Das letzte militärische Aufgebot der Deutschen in den Tagen Mitte April habe auf der Salineinsel zwischen 500 und 700 Mann gezählt. Eine alte Kamera, ein Soldatenbesteck, ein sogenannter Göffel, halb Gabel, halb Löffel, der zerbröselnde Filter einer Gasmaske sind Funde, die Maynicke und andere im Bunker gemacht haben. „In den Aborten haben wir auch Essensreste gefunden“, sagt er. Eine wissenschaftliche Untersuchung und Analyse des Bunkers gibt es freilich nicht.

In den Umläufen an den Treppenaufgängen sammelt sich Regenwasser. (Foto: xkn)

Maynicke ist Bauzeichner von Beruf und engagiert sich im Arbeitskreis Innenstadt, einem Verein, der seit Jahrzehnten ehrenamtliche Lobbyarbeit für die halleschen Baudenkmale macht. Und er ist, wie gesagt, Hasi-Aktivist. Wenn Maynicke ins Reden kommt, fällt es dem Laien manchmal schwer zu folgen. Maynicke berichtet auch vom Zustand des Bunkers, wie die Hasi-Leute ihn vorgefunden hätten. Voll Wasser habe er gestanden, denn Regenwasser kann aus den Gasometerbecken nicht abfließen. Legende ist, dass Anwohner in früheren Zeiten Fische im Bunker gehalten hätten. In die anderen, tieferen Becken, sollen öfters Rehe gefallen und dann verendet sein.

Veranstaltungs- und Ausstellungsraum sollte entstehen

Unten im Bunker haben sie provisorisch Licht installiert. An manchen Wänden prankt Grafitti, das von Sprayern stammen soll, die sich nachts heimlich aufs Hasigelände schleichen. Maynicke und die Hasi-Denkmalschützer finden das nicht gut. Ein Schild bittet darum, den historischen Ort zu erhalten. Das Wasser habe anfangs bis kurz unter die Decke gestanden, berichtet Maynicke. Sie haben es mit einer Hochleistungspumpe herausgeholt, um überhaupt hinunter zu kommen in den Bunker. Immer noch sammelt sich immer wieder Wasser in den Umläufen neben dem Treppenhäusern. Alles in dem Bunker ist redundant angelegt, erläutert Stefan Maynicke. Wie groß er genau ist, kann man bisher nur schätzen: 200 bis 300 Quadratmeter werden es sein. Die Außenwände jedenfalls sind rund, wie der Gasometer selbst.

Überwucherte Reste des zweiten Bunkergeschosses. Anders als das erste, das aus Stahlbeton gebaut war, gab es hier Mauerwerk. (Foto: xkn)

Stefan Maynicke spricht auch über die Pläne, die man in der Hasi mit dem Bunker hatte, die nun jedoch angesichts der drohenden Räumung obsolet seien. Es habe die Idee gegeben, den Bunker der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, als Veranstaltungs- und Ausstellungsraum zum Beispiel. „Außerdem wollten wir seine Geschichte weiter erforschen. Auch das bleibt nun stecken, aber viele Themen sind noch nicht vollständig aufgearbeitet“, sagt Maynicke. So sei nach wie vor unklar, ob beim Bau des Bunkers auch Zwangsarbeiter aus halleschen oder umliegenden Lagern eingesetzt worden seien. Laut Maynicke ist die Wahrscheinlichkeit groß. Am Ende wollten sie eine Broschüre über den Bunker herausbringen, wie sie sie bereits zur Geschichte der Gasanstalt in der Hafenstraße herausgebracht habem. „Hier gibt es noch viel, was wir hätten lernen und der Öffentlichkeit bekannt machen können“, sagt Maynicke. „Aber wenn die Hasi geht, wird auch das wohl unerforscht bleiben.“

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